Zeuge einer Hinrichtung

Am 29. April 1998 wohnte Rick Halperin, Mitglied von Amnesty International und der Texas Coalition to Abolish the Death Penalty in Huntsville, Texas der Hinrichtung von Frank McFarland bei. Nachfolgend eine Zusammenfassung seiner Eindrücke:

"Frank McFarland wurde beschuldigt, Terri Lynn Hokanson erstochen zu haben und wurde am 1. Februar 1988 zum Tode verurteilt. Bevor die Frau starb, berichtete sie der Polizei, dass sie von zwei Männern angegriffen und vergewaltigt wurde. Frank war 24 Jahre alt, als er verurteilt wurde und er beteuerte stets seine Unschuld.

Ich kannte Frank bereits zwei Jahre, als sein endgültiges Hinrichtungsdatum festgesetzt wurde. Er bat mich, ihn im Gefängnis zu besuchen. Während des 4-stündigen Besuchs haben wir über viele Dinge geredet – das meiste drehte sich aber um seine anstehende Exekution. Seine Anwälte hatten weitere Beweise seiner Unschuld zusammengetragen, Frank war jedoch nicht sehr optimistisch, dass das Berufungsgericht ihm eine Anhörung gewähren würde. Mehrere Male sagte er mir, nach 10 Jahren Todestrakt sei er bereit für den Tod, er sei es leid, nach den Besuchen seiner Familie in seine Zelle zurückzukehren und festzustellen, dass die Wärter wieder einmal alles durchsucht und Dinge zerstört hatten. Er meinte, er sei es auch leid, in Handschellen gefesselt von 5 oder 6 Wärtern geschlagen und getreten zu werden. Es tat sehr weh, ihn sagen zu hören, dass er endlich frei sein würde, sollte Texas ihn tatsächlich hinrichten. Frank wollte auch nicht um Gnade bitten und er wollte sich nicht für ein Verbrechen entschuldigen, das er nicht begangen hatte. Schließlich fragte er mich, ob ich bereit wäre, bei seiner Hinrichtung anwesend zu sein, um nachher darüber berichten zu können. Anfangs erschreckte mich seine Bitte, schließlich willigte ich aber doch ein. Weitere Zeugen sollten lediglich seine Mutter und ein Freund sein.

Am 28. April erhielt ich einen Anruf: Das Berufungsgericht hatte Franks Bitte um eine Anhörung seiner Unschuldsbeweise tatsächlich abgelehnt.

Am 29. April, dem Tag der Hinrichtung, traf ich um 15.00 Uhr in Huntsville ein. Ich traf Franks Mutter, Diana, und den Freund. Er erklärte uns, was uns erwarten würde und fragte Diana mehrmals, ob sie auch wirklich bereit sei, ihren Sohn sterben zu sehen. "Ja, ich bin bereit", sagte sie. In ihr Leid mischte sich auch Wut. Auch sie glaubte fest an Franks Unschuld und sie erzählte mir, dass er einen Pflichtverteidiger zugewiesen bekommen habe, der ihn von Anfang an völlig unzureichend vertrat, nur weil die Familie nicht das Geld für einen eigenen Anwalt hatte.

Etwa um 16.15 Uhr fuhren wir zum Gefängnis; Walls Unit, wo Franks Hinrichtung stattfinden würde. Wir wurden in den Warteraum geführt. Schließlich wurden wir alle durchsucht und saßen dann still beieinander. Soviele Gedanken gingen uns durch den Kopf...

Um 17.50 Uhr betraten drei Wärter den Raum und einer sagte: "Wollen die drei Zeugen bitte mitkommen?" Nachdem wir uns mit sechs Gefängnisbeamten, zwei weiteren Wärtern und einem Reporter der Associated Press in einem sehr großen Raum eingefunden hatten, wurden wir um 18.15 Uhr in den Raum für die Hinrichtungszeugen geführt. Von hier aus konnte man in die Hinrichtungskammer sehen.

Frank lag bereits auf der Hinrichtungsbahre. Er sah uns an, als wir den Zeugenraum betraten und lächelte kurz. Er hatte eine Fessel um jeden Fußknöchel und je einen schweren Ledergurt um Beine, Oberschenkel, Taille und Brust. Die Hinrichtungskammer war sehr klein. Hätten wir die Glasscheiben öffnen können, hätten wir wohl Franks rechten Arm berühren können. In jedem seiner Unterarme steckte eine Injektionsnadel.

Der Gefängnisgeistliche stand am Fußende der Bahre und starrte auf den Boden. Er sah weder Frank noch uns jemals an. Der Gefängnisdirektor stand am anderen Ende, hinter Franks Kopf, und auch er starrte auf den Boden. Ein großes Mikrofon wurde aus der Decke bis nur wenige Zentimeter von Franks Mund entfernt heruntergelassen. Es war totenstill. Frank schloss seine Augen und dreht seinen Kopf, um direkt ins Mikrofon sprechen zu können. Ich fand es sehr erstaunlich, dass der Gefängnisdirektor immer noch auf den Boden starrte, als er zu Frank sagte: "Sprich deine letzten Worte, falls du welche hast."

Frank beteuerte noch einmal seine Unschuld. "Ich schulde niemandem eine Entschuldigung für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe. Diejenigen, die gelogen und Beweise gegen mich erfunden haben, werden sich für das, was sie getan haben, verantworten müssen", sagte er mit noch immer geschlossenen Augen. Gleich nachdem er aufhörte zu reden, rief seine Mutter ihm zu "Ich liebe dich!" Wieder wurde es totenstill und die Tötung Franks begann...

Seine Brust bewegte sich mehrere Male auf und ab während er noch atmete. Seine Augen waren geschlossen geblieben, seit er seinen Blick von uns abgewandt hatte. Er sah aus, als ob er schlief. Plötzlich atmete er sehr lange aus und machte ein hustendes, gurgelndes Geräusch. Seine Brust bewegte sich nicht mehr und er lag vollkommen ruhig auf der Bahre. Er starb... Für etwa 4 Minuten schien die Szene wie eingefroren... niemand sagte ein Wort... Schließlich sagte Diana, die ihren toten Sohn noch immer ansah: "Nun ist er an einem besseren Ort".

Ich konnte nicht glauben, was ich gerade erlebt hatte. Ich war entsetzt. Schließlich trat ein Mitarbeiter des medizinischen Personals an die Hinrichtungsbahre, leuchtete Frank in die Augen, fühlte seinen Puls und horchte sein Herz ab. Er richtete sich wieder auf und sagte: "Tot um 18.27 Uhr eingetreten." Der Gefängnisdirektor, der nun zum ersten Mal aufblickte, wiederholte die Worte ins Mikrofon.

Franks Mutter und ich sahen noch immer auf den toten Körper, als wir gebeten wurden, den Zeugenraum zu verlassen. Ich sah mich noch einmal kurz um: Frank, auf die Bahre geschnallt, in der Mitte des kleinen Raumes, Nadeln und Schläuche in seinen Armen... Es war ein so schmerzvoller Augenblick...

Später am Abend, als ich wieder in meinem Büro war, hörte ich einen Bericht in den Fernsehnachrichten. Der Oberste Gerichtshof der USA tadelte das Berufungsgericht, das für Texas und somit auch für Frank zuständig war. Der Oberste Richter William Rehnquist sagte: "Das Berufungsgericht hat durch hinausgezögerte Hinrichtungen die Opfer von Gewaltverbrechen betrogen." Und Richter Anthony Kennedy wurde zitiert: "Dem Staat muss ermöglicht werden, seine souveräne Gewalt zur Bestrafung Krimineller auszuüben. Nur mit einem wirklichen Abschluss (er meinte die Hinrichtung des Täters) können die Opfer von Gewaltverbrechen mit ihrem Leben fortfahren, wenn sie wissen, dass das Urteil vollstreckt wird."

Nachdem ich nur 3 Stunden vorher gesehen hatte, wie der Bundesstaat Texas einen Menschen umbrachte, konnte ich die Aussagen der Richter kaum glauben. Was ich gesehen hatte war nicht menschlich und es war nicht gerecht. Ich war Zeuge des Bösen geworden. Und die Staatsbediensteten nahmen Franks Anwesenheit in der Hinrichtungskammer noch nicht einmal zur Kenntnis. Mir wurde wiedereinmal bewusst, warum ich und so viele andere gegen die Todesstrafe kämpfen."

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