Vorwort
Ich habe eine sehr gute Brieffreundin gefunden, die in Onalaska/Texas lebte und mit der mich einiges verbindet. Das hat alles eine etwas längere Vorgeschichte mit meinem Wunsch nach Texas zu ziehen (siehe unten). Es ist unglaublich, was sich in diesem Land abspielt. Das erste, was den meisten Leuten im Zusammenhang mit Texas einfällt, sind Westernfilme und Cowboyromantik. Auf dem Stand war ich auch mal, aber mich hats leider zu den dunklen Seiten dieses wunderbaren Ortes gezogen und zwar zur Todesstrafe. Fakt ist, dass die meisten Hinrichtungen jährlich in Texas stattfinden, über ein drittel aller in den ganzen USA. Die meisten hätten ihre Zeit längst abgesessen, würde es nach deutscher Gesetzregelung gehen. Aber so läuft es dort nicht, wurden die Todeskandidaten bis zu 15 oder sogar 20 Jahre weggesperrt, werden sie dennoch als krönender Abschluss hingerichtet.
Für mich ist das einfach keine Lösung, Mord mit Mord zu vergelten und ich habe mir fest vorgenommen, sobald ich 18 bin, Brieffreundschaften mit Insassen zu beginnen (ich habe mittlerweile zwei Brieffreunde), nach Texas zu fliegen (am 19.März 2008 war es endlich so weit!, ebenso wie am 05.April 2009 ^^), mir ein eigenes Bild von der Sache zu machen und zu kämpfen, denn mein Leben dreht sich schon so sehr um das Thema Todesstrafe, das ich es einfach nicht mehr loswerde. Ich muss es einfach tun.
Wie Troy Albert Kunkle mein Leben veränderte
Alles hat angefangen am 18 November 2004; zwei Tage vor meinem 15.Geburtstag. Ich habe zufällig mal "Sam" auf Pro7 geguckt und einen Bericht gesehen über einen gewissen Troy Albert Kunkle, der nun schon seit 20 Jahren im Todestrakt in Livingston/Texas auf seine Hinrichtung wartete.
Damals war Troy mit drei Freunden unterwegs, er war gerade 18 geworden, und hatte im Drogenrausch einen Mann erschossen, weil dieser ihm nicht seine Brieftasche geben wollte, in der letztendlich nur 13 Dollar waren. Das Todesurteil wurde viel zu voreilig gesprochen und viele Aspekte überhaupt nicht berücksichtigt. So zum Beispiel, dass er unter Alkohol- und Drogeneinfluss stand, er gerade erst 18 geworden war, nicht die alleinige Schuld trug und sein Vater und sein Bruder schon früh gestorben waren. Außerdem litten seine Eltern unter Depressionen. Wären all diese Dinge berücksichtigt worden, hätte es nie zu dem Todesurteil kommen dürfen. Hinzu kommt, dass er in Nürnberg/Deutschland geboren wurde und seine Kindheit dort verbracht hatte. Nur weil sein Vater, der amerikanischer Soldat und bis dahin in Deutschland stationiert war, verpflichtet war, zurück zu kommen, zogen sie schließlich nach Texas. Wäre Troy in Deutschland geblieben und hätte dieselbe Tat begangen, hätte der Prozess einen völlig anderen Lauf genommen und egal wie er ausgegangen wäre, er hätte ihm höchstens ein lebenslänglich eingebracht, das er heute längst abgesessen hätte. Stattdessen erwartete ihn in Texas am 25. Januar 2005 die tödliche Injektion.
Die deutsche Christa Haber, die ebenfalls einen Bericht über Troy im Fernsehen gesehen und eine Brieffreundschaft mit ihm begonnen hat, beschloss eines Tages ihn in Texas zu besuchen. Sie lernten sich kennen und bald sogar lieben. Christa zog nach Onalaska, was ganz in der Nähe der Polunsky Unit, dem Todestrakt in Livingston, liegt. Sie eröffnete dort ein Gästehaus names "Blue Shelter" (Blaue Herberge). Es war vor allem für Besucher des Todestraktes in Livingston geeignet, aber natürlich auch für andere Gäste. Sie engagiert sich seit dem sehr für Todeskandidaten besonders in Texas, erkundigte sich bei den Bundesgerichten nach Neuigkeiten, plante Ausstellungen von Kunst aus dem Todestrakt und hat selbst schon so einige Brieffreundschaften geschlossen und Besuche geführt. Im Oktober 2004 heiratete sie Troy schließlich im Gefängnis. Neben ihrem Gästehaus hat sie auch schon ein eigenes Restaurant mit deutscher Küche eröffnet, das leider von einem Tornado so verwüstet wurde, dass es geschlossen werden musste. Aber aufgegeben hat sie deswegen noch lange nicht. Einige Zeit später hatte sie sogar ihre eigene Boutique "Little Galleria" eröffnet.
Seit ich diesen Bericht gesehen hatte, war für mich klar, dass ich auf jeden Fall später etwas tun wollte, um solchen Leuten zu helfen, sie zu unterstützen oder zumindest Brieffreundschaften mit einigen von ihnen zu schließen. Ich habe auch angefangen Bücher und Filme zum Thema zu sammeln und suche regelmäßig nach Sendungen und Dokus im Internet, die in nächster Zeit im Fernsehen laufen. Es ist schon erstaunlich wieviel darüber im Fernsehen läuft, aber wenn man in eine Fernsehzeitung schaut, man nichts findet. Ein halbes Jahr nach Troys Hinrichtung habe ich mich dann entschlossen, Christa einen Brief zu schicken, da ich ihr einfach unbedingt ein paar Dinge sagen wollte und auch einige Fragen stellen wollte, zu denen man nirgendwo eine Antwort finden konnte. Ihre Adresse stand nämlich zufällig auf einem der im Internet abgedruckten Formulare und so dachte ich mir, probieren kann nicht schaden. Ich habe nie wirklich eine Antwort erwartet, wollte einfach nur, dass sie meinen Brief bekommt und dessen war ich mir sicher. Ich konnte es gar nicht glauben, als ich tatsächlich Antwort bekam. Sie war so unglaublich nett und mir total sympatisch. Wir haben uns noch einige Briefe geschrieben bis wir schließlich auf E-Mails umgestiegen sind, was eindeutig schneller, leichter und günstiger war. Und schließlich bin ich letztes Jahr (2008) im April endlich nach Texas geflogen und habe sie besucht. Mein lang ersehnter Wunsch ist endlich wahr geworden und ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Damals habe ich immer gesagt, ich würde endlich mal nach Texas wollen, damit ich mir eine Meinung darüber bilden kann, ob ich es mir wirklich vorstellen könnte, später mal dort zu leben. Und nun kann ich voller Stolz sagen: Ja, ich kann es mir vostellen und ich will nichts anderes mehr! Zum krönenden Abschluss meines unvergesslichen ersten Besuches bei Christa, hat sie mich ernsthaft gefragt, ob ich es mir vorstellen könnte, mal das Gästehaus zu leiten, wenn sie "in Rente" geht. Wow! Natürlich kann ich es mir vorstellen und nichts würde ich lieber tun! Ja, so endete mein Urlaub und begann mein "neues Leben" mit einer Zukunftsperspektive. Nun musste ich nur noch zusehen wie ich bei diesem Punkt in meinem Leben ankomme. Erstmal irgendwie die Schule beenden...
--- Update 2008 Und jetzt muss ich mich erstmal um eine Ausbildung kümmern.
Und danach...habe ich mir so erträumt...ja, ich war mir sicher, dann würde es irgendwann nach Texas gehen. FÜR IMMER! Dem war ich mir sooo sicher, bis zu diesem einen Tag, wo dann am 25.07.08 plötzlich diese mail von Christa kam, in der sie mir schrieb, sie sei wieder in DEUTSCHLAND, weil sie ihr Visum nicht verlängern wollten.
Christa: "Die Botschaft hat mir mitgeteilt, dass ich die Voraussetzungen fuer ein neues Visum nicht erfuelle: NETTO MindestGEWINN von 40,000 $ im Jahr und 2 Angestellte braeuchte ich auch noch. Kein shop in der Gegend verdient so viel, ich hab mich erkundigt..."
In dem Moment war dann plötzlich erstmal aus...Ende...ich weiß auch noch nicht...keine Ahnung, was jetzt aus alledem wird...Ich weiß nur, dass wenn ich eins von Christa gelernt habe, dann ist es, nicht aufzugeben, zu kämpfen, sich Ziele zu setzen und weiter fest zu glauben. Und daran werde ich mich einfach erst einmal festhalten und hoffen, hoffen, dass einfach...etwas passiert. Ganz egal was, einfach ETWAS...ja!
Was Texas angeht, wird mich wohl trotzdem nichts davon abhalten, nächstes Jahr wieder zu fliegen. Es ist schade, dass ich Christa nicht treffen werde, aber ich habe einfach eine solche Liebe zu diesem Land entwickelt, zur Umgebung, der Natur, dem Wetter, den Menschen und einfach der Mentalität. Ich fühle mich einfach total wohl da und schließlich habe ich versprochen, Troy zu besuchen. Das werde ich also auch einhalten ^^ Einen Platz zum Übernachten werde ich schon finden, hab mir ja auch ein paar "Beziehungen" angeschafft das letzte Mal als ich dort war ;) Also mich hält NICHTS davon ab, mein neues Heimatland wieder zu besuchen, denn dafür liebe ich es viel zu sehr...
Immer positiv denken, denn alles wird irgendwann wieder gut :)
Schon verrückt kommt einem das vor, wenn man diesen Text von oben bis unten durchliest, hm? Aber so hat sich das entwickelt, mein Leben. Und es hätte einfach nicht besser laufen können trotz der Wendung vor Kurzem. Denn ohne Christa wäre ich wohl nie auch nur annähernd auf all das gekommen, auf Texas, die Todesstrafe, meine jetzigen Brieffreunde, die wunderbaren Menschen, die ich seitdem kennengelernt habe und meine Zukunftspläne was das Auswandern angeht. Eine Bestimmung von ... irgendwo? Haha ^^ Nein, an sowas glaube ich eigentlich nicht, aber es ist einfach wunderbar. Danke (an wen auch immer), einfach danke. ---
--- Update 2009 Und mal wieder ist ein Jahr um und ich war tatsächlich wieder in Texas (05.-19.April). Aber irgendwie will alles wieder nicht so wie ich will >.< War mal wieder nichts mit Brieffreund besuchen, da ich ja erstens nicht mehr im "Blue Shelter" bleiben konnte, da es geschlossen ist und ich zweitens ungern einen 2-Wochen-Texasurlaub in einem Hotel oder ähnliches in der Nähe der Unit verbringen wollte für zwei bis vier Besuche. Hinzu kommt, dass Troy ohnehin nicht mehr der zuverlässigste Schreiber ist und ich nicht genau wusste wie es überhaupt mit der Möglichkeit eines Besuches aussähe...Christa hat mir schließlich einen Geheimtip gegeben: Die Scorpio Ranch in der Nähe von San Antonio, wo sie selbst schon einige Wochen Urlaub gemacht hat. Und somit habe ich mich dann entschlossen, dem mal nachzugehen und bin schließlich tatsächlich dort gelandet. Habe zwei Wochen Urlaub gemacht und werde nun mal schauen, wie es weitergeht. Vielleicht fliege ich ja auch nächstes Jahr mal nach Florida, um Dieter zu besuchen...wer weiß ;) ---
Was kann ich noch sagen? Hier gibts noch mehr Infos und Bilder über Troy und seine Geschichte: http://www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de/Troy_Kunkle.html
Hier noch einer meiner Clips über Troy: http://www.youtube.com/watch?v=1buu4kSYaDA

Troy Albert Kunkle Christa Haber

Christa und ich